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Standpunkt · KUM Magazin #3 · Oktober 2024

Not for Likes

Likes, Follower, Algorithmus: warum wir sie nicht zum Maßstab für Kunst machen. Dazu drei Stimmen aus der Community.

Zwei Frauen in KUM-Shirts auf einem Dach bei Sonnenuntergang

In den letzten Jahren hat sich Social Media zu einem der wichtigsten Kanäle entwickelt, über die KünstlerInnen ihre eigene Kunst mit der Welt teilen. Doch mit dieser Entwicklung kam auch ein wachsender Druck: Erfolg wird zunehmend in Zahlen gemessen – Likes, Follower und Shares bestimmen den Wert eines Posts. Dieser Fokus auf Popularität kann die Authentizität beeinflussen. Kreative Inhalte werden oft nicht mehr danach gestaltet, was ausgedrückt werden möchte, sondern danach, was wahrscheinlich die meisten Reaktionen auslöst.

Das Streben nach Anerkennung auf Social Media verfälscht oft die ursprüngliche Motivation: Kunst sollte ein Ausdruck der Selbstentfaltung sein, nicht ein Wettkampf um digitale Bestätigung. Wenn der kreative Prozess von der Frage bestimmt wird, wie viele Likes ein Werk bekommt, leidet darunter nicht nur die künstlerische Freiheit, sondern auch die Qualität und Tiefe der Arbeit.

Unsere Message „Not for Likes“ stellt sich diesem Trend entgegen. Es geht uns darum, eine Community zu schaffen, die sich auf echten Austausch und gegenseitige Unterstützung konzentriert – jenseits des ständigen Drucks, online Anerkennung zu finden. Wir glauben, dass Kunst am stärksten ist, wenn sie nicht allein im Wettlauf um Likes entsteht, sondern im Miteinander.

Schwarzes Shirt mit dem Schriftzug Passion for Creativity

Ein Kernbestandteil unserer Vision ist das jährliche Event „Kumtogether“, bei dem unsere Community zusammenkommt, um gemeinsam zu kreieren, voneinander zu lernen und sich zu vernetzen. Dieses Event bietet einen Raum, in dem nicht Followerzahlen oder digitale Aufmerksamkeit im Vordergrund stehen, sondern der Austausch von Ideen und die Zusammenarbeit. Mit „Kumtogether“ betonen wir die wahre Stärke von Social Media – die Beziehungen, die durch diese Plattformen entstehen oder sich anbahnen, werden im „Real Life“ weitergeführt und intensiviert.

Zusätzlich zu diesem großen Event veranstalten wir regelmäßig Live-Streams auf Instagram, bei denen wir KünstlerInnen aus unserer Community vorstellen und ihnen die Möglichkeit geben, ihre Werke und ihren kreativen Prozess in einem interaktiven Rahmen zu präsentieren. Diese Live-Streams sind eine weitere Gelegenheit, den Austausch zu fördern, Fragen zu stellen und voneinander zu lernen.

Unser Ziel ist es, eine kreative Umgebung zu schaffen, in der Kunst als gemeinsamer Prozess verstanden wird. Die Zusammenarbeit zwischen KünstlerInnen ist der Schlüssel zur kreativen Weiterentwicklung. Wir möchten eine Plattform schaffen, in der KünstlerInnen ihre Ideen und Werke frei teilen können. Kollaborationen spielen dabei eine zentrale Rolle. Wenn Kreative zusammenarbeiten, entstehen oft neue, unvorhergesehene Ideen. Zwei Menschen können etwas schaffen, das keiner von ihnen allein hätte entwickeln können. Diese Synergien sind der Kern unserer Philosophie. Die besten Projekte entstehen oft durch den Austausch von Ideen und der Verschmelzung von Stilen oder Techniken.

Wir ermutigen unsere Community, sich von der Vorstellung zu lösen, dass Likes oder Follower den Wert ihrer Kunst bestimmen. Stattdessen wollen wir den Fokus auf Freundschaft, Authentizität und den kreativen Prozess legen. Social Media kann eine Plattform für echten Austausch und Vernetzung sein – wenn wir es bewusst nutzen. Gemeinsam können wir eine kreative Gemeinschaft aufbauen, ohne Druck, sich durch digitale Zahlen zu beweisen.

Kelly · @kellys.artwork

Kelly malt an der Staffelei

Wie beeinflussen dich Likes auf Instagram?

Da ich älter als Google bin, habe ich gemalt und gezeichnet, bevor es überhaupt „Likes“ gab, und würde auch weiterhin malen, wenn es keine mehr gäbe. „Beeinflussen“ wäre also das falsche Wort; nichtsdestotrotz wäre es geheuchelt zu sagen, dass es nicht schmeichelhaft für die Seele ist. Trotz dieser Seelenschmeichlerei würde ich jedoch nicht alles für Likes tun.

Wie beeinflussen dich die Followerzahlen anderer Accounts auf Instagram?

Gar nicht. Ich finde es großartig, dass viele eine große Anhängerschaft haben; die Leute stecken wahnsinnig viel Arbeit und Liebe in ihre Accounts.

Inwieweit beeinflusst dich der Algorithmus bei der Ideenfindung und der Entscheidung, welches Format?

Gar nicht. Da ich wirklich „Not for Likes“ bin und nicht nur zum Sammeln von Followern auf Instagram, habe ich mich mit dem Algorithmus nie wirklich befasst. Klar bekommt man es mal am Rande mit, aber es beeinflusst mein Posting-Verhalten nicht. Bei mir gibt es unperfekt in Szene gesetzten Content von einer unperfekten Person – ob der Algorithmus will oder nicht.

Wenn du könntest, was würdest du auf Instagram ändern?

Ich würde mehr Vorschläge von Accounts wünschen, die ähnliche Interessen teilen. Außerdem fände ich es gut, wenn kein Content mehr vorgeschlagen würde, den ich gar nicht sehen möchte, und dass alle Accounts gelöscht werden, die meinen, sie könnten Instagram mit Hasskommentaren verpesten.

Was würde sich für dich ändern, wenn du 100.000 Follower hättest?

Für mich, die gefühlt „drölf“ Follower hat, ist diese Zahl Utopie, an die ich bisher noch nicht ansatzweise gedacht habe. Kann sich da was ändern? Ich weiß es nicht. Aus dem Bauch heraus wäre meine Antwort „Nichts“ gewesen. Aber um ehrlich zu sein, müsste ich jemanden fragen, der so viele Follower hat, weil ich mir das selbst nicht vorstellen kann.

Verstehst du es, wenn sich jemand Fake-Follower kauft?

Nein und Ja. Ich persönlich kann es nicht verstehen, also für mich selbst. Ich habe das große Glück, auf Instagram sogar Menschen kennengelernt zu haben, die mein Leben auch außerhalb der sozialen Medien bereichern. Daher würde ich gar keine Fake-Accounts wollen, da ich meinen Account und die Community einfach toll finde. Wenn sich einige allerdings eine Einnahmequelle durch Marketing auf Instagram aufbauen möchten, stehen sie häufig vor dem Problem, dass Firmen diejenigen nicht mal mit dem Hintern anschauen, wenn sie unter 10.000 Follower haben. Dass sich einige dadurch gezwungen fühlen, Follower zu kaufen, ist aus diesem Aspekt verständlich, aber für mich persönlich nicht nachvollziehbar.

Steffi · @fraeuleinteffi

Wie beeinflussen dich Likes auf Instagram?

In meiner Anfangszeit habe ich natürlich auf Likes geachtet und sie als Maßstab für einen Post genommen. Inzwischen beeinflussen sie mich kaum noch. Schade finde ich es manchmal, wenn ich ein Bild so richtig mag (was nicht oft vorkommt) und mich auf das Hochladen freue, und es dann wenig Likes bekommt. Das ist eigentlich totaler Quatsch, weil ich das Bild ja durch weniger Likes nicht weniger mag.

Wie beeinflussen dich die Followerzahlen anderer Accounts auf Instagram?

Gar nicht! Ich gönne es jedem, viele Follower zu haben. Wichtig finde ich nur, dass man sich seiner Reichweite bewusst sein muss und bei gewissen Haltungen und Äußerungen im Hinterkopf haben sollte, was das bewirken kann.

Inwieweit beeinflusst dich der Algorithmus bei der Ideenfindung und der Entscheidung, welches Format du nutzt?

Durch den Algorithmus und die Mythen, „was man angeblich machen soll, damit man gepusht wird“, habe ich meine Liebe zu Reels entdeckt. Jetzt mache ich tatsächlich einmal in der Woche Reels – aber hauptsächlich, weil sie mir Spaß machen und euch zum Lachen bringen sollen. Wenn der Algorithmus sie auch mag, ist das ein nettes Nebenprodukt.

Wenn du könntest, was würdest du auf Instagram ändern?

Ich würde eine chronologische Präsentation bevorzugen, statt einen Algorithmus, der „für uns denkt“ und für uns auswählt. Oft bekomme ich Inhalte nicht angezeigt, weil sie laut Algorithmus wohl nicht zu mir passen – was sehr schade ist.

Was würde sich für dich ändern, wenn du 100.000 Follower hättest?

Dann hätte ich 100.000 Follower und noch mehr nette Menschen, die sich meine Sachen anschauen, was natürlich toll wäre. An meinem Profil oder meinen Posts würde sich aber nichts ändern. Ich nutze Instagram, um Dinge aus meinem Leben zu teilen, die guten und schlechten Momente, was mir gerade gefällt oder zu meinem Alltag passt.

Verstehst du es, wenn sich jemand Fake-Follower kauft?

Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Faktisch soll es vielleicht eine Lücke füllen, verschiebt das Problem aber nur. Gekaufte Follower interagieren nicht mit dir oder untereinander – sie sind halt nur Zahlen.

Julian · @juro_13 · Designer von „Not for Likes“

Wie beeinflussen dich Likes auf Instagram?

Wenn für eine Resonanz „produziert“ wird und keine künstlerische Verwirklichung verfolgt wird, dann beeinflussen „Likes“ einen vermutlich sehr. Vermutlich auch, wenn ein wirkliches Business dahinter steht mit Abhängigkeiten.

Das Perfide daran ist doch, dass Accounts mit 100k Followern teilweise 300 „Likes“ erhalten. Hier liegt vermutlich eine andere Anspruchshaltung und Resonanz, die zu erwarten wäre. Denn das macht keinen Sinn, wenn du nur „Konsumenten“ hast, aber nicht in die Interaktion gehst mit dem Account, dem du folgst.

Ich würde sagen, dass „Likes“ wie Erfolge beim Sport sein können. Wenn ich selber alles gegeben habe, etwas Neues probiert habe, zufrieden bin mit dem Ergebnis und stolz auf die Leistung von mir und meinen kreativen Ausbruch bin, dann kann ich mich freuen, und jede Wertschätzung von außerhalb ist ein zusätzliches Geschenk – über das man sich natürlich freuen darf. Und manchmal hast du dann Muskelkater und merkst, dass du viel investiert hast, dass das Ergebnis vielleicht noch nicht für dich ausreicht, aber du auf dem richtigen Weg für dich bist. Wenn ich das so betrachte, würde ich sagen, dass mich die Haltung beeinflusst und nicht „die Likes“.

Wie beeinflussen dich die Followerzahlen anderer Accounts auf Instagram?

Wenn ich als Privatperson auf anderen Accounts bin, liegt es in der Regel daran, dass mich das Gesehene angesprochen und neugierig gemacht hat, es eine Empfehlung ist oder ich ein Produkt, eine Organisation etc. spannend finde.

Es gibt so viele geile kleine Accounts und so viele große Accounts, die künstlerisch qualitativ weit unter den kleinen Accounts stehen. Mir ist es wichtig, dass es eigene Ideen gibt, einen erkennbaren Stil, einen Wiedererkennungswert und eine individuelle Sprache, in der viel zu entdecken ist und die Möglichkeit besteht, sich begeistern lassen zu können.

Wir haben alle so viele Möglichkeiten, und es macht doch viel mehr Spaß, seinen eigenen Weg zu gehen als den, der schon 100x gemacht wurde. Ich kaufe mir ja auch nicht 5x einen Reiseführer für ein und dieselbe Insel.

Inwieweit beeinflusst dich der Algorithmus bei der Ideenfindung und der Entscheidung, welches Format?

Haha, darin bin ich vermutlich richtig schlecht, siehe ~3,5k AbonnentInnen. Was ich künstlerisch umsetze, orientiere ich nicht an Algorithmen, da verfolge ich meine Impulse oder Quotes der #all4artchallenge von Menko, Miri und mir.

Manchmal sketche ich einfach los, weil etwas in mir das benötigt, dann hole ich nicht erst mein Smartphone und mache Videos, ich bin dann im Prozess und genieße das. Videos mache ich aber ansonsten gerne. Mit 16 hatte ich eine Digital-8-Videokamera und habe gefilmt, als wir Wände gesprüht haben oder uns in „Jackass“-Stunts versuchten.

Wenn du könntest, was würdest du auf Instagram ändern?

Erstmal finde ich, dass einem eigene Interessen angezeigt werden sollten und nicht immer irgendwelche Random-Sachen. Wenn man allerdings etwas nicht ändern kann, sollte man seine Haltung dazu ändern oder sich davon lösen, alles andere macht keinen Sinn.

Reichweite, wem Reichweite gebührt. Es gibt so viel geile Kunst, die einfach keine Aufmerksamkeit bekommt, und auf der anderen Seite hast du etliche Accounts mit demselben Stil, wo ich denke: Das habe ich doch eben bei jemand anderem gesehen. Natürlich lassen wir uns beeinflussen, aber es ist schade, wenn man sich selbst die Möglichkeit nimmt, etwas Eigenes aufzubauen und zu entwickeln.

Was würde sich für dich ändern, wenn du 100.000 Follower hättest?

Das weiß ich tatsächlich nicht, hierzu mal eine These: Ich hätte vermutlich mehr Kooperationsanfragen, Reichweite, Aufmerksamkeit und daraus resultierend vermutlich einhergehende Möglichkeiten, meine Kreativität und Kunst gewinnbringend umzusetzen und Privilegien zu genießen. Aktuell freuen sich meine Familie und einige Freunde über diverse Stifte, die man zugeschickt bekommt, um diese mal zu probieren. Bisher schmecken die alle recht ähnlich – höhö.

Verstehst du es, wenn sich jemand Fake-Follower kauft?

Jein. Ich schließe das für mich persönlich grundsätzlich aus und möchte das nicht. Ich mache ja auch keine Vernissage und kaufe alle meine Bilder, um zu sagen, dass ich alle meine Bilder veräußert habe, um die Nachfrage zu steigern.

Ich möchte Menschen erreichen, die sich für mich und meine Kunst interessieren. Die in den Dialog gehen und interagieren, weil sie es wollen, und nicht, weil ich dafür Geld bezahlt habe.